Groß Meseritsch - Velké Meziříčí


- aus der Geschichte -



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Das persönliche Interesse an der Geschichte der Stadt Groß Messerstich erwächst aus dem Umstand, dass die Familie Sturma hier seit etwa 1680 ansässig war und immer noch ist. Matthias Sturm, ein Sohn des Ratsherrn und Bürgermeisters Andreas Sturm, kam aus Tschelakowitz , einer Stadt an der Elbe auf der Herrschaft Brandeis bei Prag, nach Groß Meseritsch und gründete hier eine Familie, die sich weit verzweigen und in die Stadt einbinden sollte.

Groß Meseritsch ist gleichzeitig auch Amtsort der gleichnamigen Allodherrschaft gewesen, zu der auch noch das Gut Zohoř gehörte. Wolny [Wolny, 1846] gibt an, dass Groß Meseritsch 1197 zum ersten Mal erwähnt wird. In der Chronik von 2008 wird aber diese erste Nennung auf eine gefälschte Urkunde zurückgeführt und die Besiedlung der Gegend um Groß Meseritsch in die Mitte des 13. Jahrhunderts gelegt [Velké Meziříčí, 2008]. Die Besiedlung der Böhmisch Mährischen Höhe erfolgte hier von Trebitsch aus. Die erste Erwähnung von Meseritsch geht auf eine Urkunde aus dem Jahr 1281 zurück. Die Herren von Lomnice oder von Tassau waren bis 1399 im Besitz der Herrschaft. Sie führten einen Flügel im Wappen, den man heute noch im Stadtwappen sehen kann.
1399 ging die Herrschaft an den Vertreter eines der mächtigsten Adelsgeschlechter in Mähren über, an Lacek von Kravaře. Der 26. Juli 1408 war für die Stadt ein bedeutendes Datum, da sie an diesem Tag vom Heimfallrecht befreit wurde und das Stadtrecht bekam. Die Befreiung vom „Heimfall“ bedeutete eine ungeheure Erleichterung, da nun das Erbe frei vergeben werden konnte und nicht mehr an die Herrschaft fiel, falls kein leiblicher Erbe vorhanden war.
Die Herren von Lomnice gelangten 1447 bis 1528 wieder in den Besitz der Herrschaft. Die Herren von Meseritsch sind z.T. Landeshauptleute und verkehren an den Höfen der böhmischen Könige und deutschen Kaisern....

Am Stadtplatz befindet sich ein Haus mit sehr schönen Fresken aus der Renaissance mit verschiedenen Allegorien (hier von links: Liebe, Glaube und Gerechtigkeit)

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Einen Eindruck von der Infrastruktur der Stadt im 19. Jahrhundert bekommt man durch die Auflistung der Handwerker in der Stadt durch Wolny [Wolny, 1846, S. 236].
2 Fleischer, 21 Müller, 1 Brotbäcker, ! Brauer auf dem obrigkeitlichen Brauhaus, 10 Branntweinbrenner, 2 Gastwirte, 12 Bier-, Wein- und Branntweinschänker, 1 Fassbinder, 2 Glaser, 16 Schmiede, 7 Schneider, 8 Schuster, 1 Zimmermeister, 1 Gold- und Silberarbeiter, 1 Wolle- und Zwirnspinner, 1 Gerber, 1 Lederwalker, 2 Wagner, 2 Hafner, 1 Buchbinder, 2 Ölerzeuger, 1 Schleifer, 1 Pottaschesieder, 14 Lederer, mehrere Kunstweber, 2 Wollspinnmaschinen. Wolny bemerkt, dass der Handel vornehmlich in der Hand der Juden liegt. Sie befassen sich besonders mit dem Flachshandel und verkaufen jedes Jahr Flachs für einen Wert von 40 - 50.000 Gulden nach Ungarn.
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestand die Stadt aus dem Schlossbezirk (29 Häuser), der Judenstadt (58 Häuser) und der eigentlich Stadt mit den Vorstädten Ober- und Unterstadt, Karlshof, Kleinseite, Besdiekow und Wrhowetz. Die Sprache ist vorherrschend die Mährische und nur zum Teil die Deutsche [Wolny, 1846]

Die Stadt Groß Meseritsch wurde von verschiedenen Katastrophen heimgesucht. In den Jahren 1547, 1585 und 1610 wurde die Stadt von verheerenden Bränden verwüstet und in den Jahren 1590, 1606 und 1615 gab es sogar Erdbeben. Da das Stadtzentrum an der Mündung der Balinka in die Oslava liegt, kam es zu verschiedenen schweren Überschwemmungen, besonders schwer 1564 und 1591. Einen kleinen Eindruck von diesen Katastrophen bekommt man durch ein Filmdokument aus dem Jahr 1941, das man hier anschauen kann: Überschwemmung 1941.

Franz von Harrach (26.7.1870 - 14.5.1937) war ein böhmischer Adeliger, k.u.k. Kämmerer und der Erbe es Schlosses Groß Meseritsch. 1909 fand ein Kaisermanöver statt, bei dem das Hauptquartier im Schloss Groß Meseritsch untergebracht war. An diesem Manöver nahmen nicht nur Kaiser Franz Josef I. (in preußischer Uniform) und Kaiser Wilhelm II (in österreichischer Uniform) teil, sondern auch Erzherzog Franz Ferdinand, mit dem sich Franz von Harrach anfreundete. Das Erklärt auch seine Anwesenheit beim Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914. Das Taschentuch mit dem Franz von Harrach dem Erzherzog das Blut aus dem Gesicht gewischt hat, kann man heute noch im Schloss in Groß Meseritsch besichtigen.

Eine Beschreibung des Kreises Groß Meseritsch hat August Kratochvil im Jahr 1907 herausgegeben [Kratochvil, 1907]. Das Buch ist in Tschechisch verfasst. Es enthält neben der Beschreibung der Stadt Groß Meseritsch auch eine Beschreibung aller Orte des ehemaligen Kreises.

Mit der Geschichte der Stadt hat sich in den letzten Jahren ein Autorenteam auseinandergesetzt, das im Jahr 2008 eine umfassende Chronik über die Stadt herausgegeben hat. Auf 480 Seiten wird der Leser über die Geschichte der Stadt zu verschiedenen Zeitepochen informiert. Das Buch ist auf Tschechisch abgefasst. Es gibt zu jedem Kapitel eine englische und eine Deutsche Zusammenfassung [Velké Meziříčí, 2008]:

Velké Meziříčí v zrcadle dějin, Brně 2008:
Milan Salaš: Ur- und frühgeschichtliche Funde auf dem Gebiet von Groß Meseritsch
Zdeněk Měřínský: Besiedlung der Landschaft und Anfänge der Stadt und Burg bis 1415
Dalibor Hodeček: Groß Messerstich am Ende des Mittelalters (1416 - 1529)
Martin Štindl: In den Wandlungen der Renaissancezeit (1529 - 1620)
Martin Štindl: Im Schatten und Glanz des Barock (1620 - 1740)
Marie Ripperová: Als Fürstinnen und Herzoginnen über die Stadt herrschten
Marie Ripperova: Unter der Regierung des Kaisers (1850 - 1918)
Miroslav Kružik: In der Periode der ersten Republik und der Okkupation (1918 - 1945)
Petr Jíčínský: Jahre, die wir noch im Gedächtnis haben... (1945 - 2006)


IMG_3344Die Staute wird 1735 von Jakob Kolovratek gestiftet

© für alle Fotos: Jürgen Sturma, Minden